Vom Wettlauf ins All zum Billionenmarkt
Was einst als Wettlauf der Supermächte begann, entwickelt sich heute zu einem spannenden Wachstumsmarkt des 21. Jahrhunderts. Satelliten, Daten und private Raumfahrtunternehmen machen den Weltraum zur neuen Infrastruktur für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Darum geht es
- Die Weltraumwirtschaft hat sich vom Wettlauf der Supermächte zu einer zentralen Infrastruktur für Kommunikation, Navigation und Erdbeobachtung entwickelt.
- Satelliten und ihre Daten sind heute eine unverzichtbare Grundlage für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
- Die globale Wertschöpfung der Weltraumwirtschaft könnte bis 2035 auf 1,8 Billionen US-Dollar anwachsen und damit deutlich schneller wachsen als die Weltwirtschaft.
- Staatliche Investitionen bleiben trotz zunehmender Kommerzialisierung ein entscheidender Treiber der Entwicklung.
Das Weltraumzeitalter begann an einem kühlen Herbsttag in der kasachischen Steppe. Am 4. Oktober 1957 schoss die Sowjetunion mit dem Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All. Das lediglich 84 Kilogramm schwere Objekt löste weltweit enorme Aufmerksamkeit aus und führte zum Space Race – dem Wettlauf ins All – zwischen den USA und der Sowjetunion. Raumfahrt war fortan nicht nur eine wissenschaftliche Herausforderung, sondern Sinnbild technologischer und politischer Überlegenheit.
Der Grundstein für die Raumfahrt wurde aber bereits viel früher gelegt. Schon Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten Wissenschaftler die theoretischen Grundlagen der Raketentechnik. Anfang des 20. Jahrhunderts gelang der Bau der ersten Flüssigkeitsrakete, während der deutsch-rumänische Physiker Hermann Oberth – einer der ersten, der mathematisch nachwies, dass Raketen den Weltraum erreichen können – mit seinen Veröffentlichungen Generationen von Ingenieuren inspirierte. Dennoch blieb die Raumfahrt zunächst eine rein wissenschaftliche Vision. Bis der Ingenieur Wernher von Braun viele dieser Ideen in die Praxis umsetzte und später unter anderem mitverantwortlich für die erste Mondlandung war.
In den Sechzigerjahren nahm der Wettlauf Fahrt auf. Und wieder hatte die Sowjetunion die Nase vorne. 1961 schrieb Yuri Gagarin Geschichte, als er als erster Mensch die Erde umrundete. Gerade einen Monat später verkündete US-Präsident John F. Kennedy dann, bis Ende der Dekade einen Menschen auf den Mond zu senden. Am 20. Juli 1969 war es dann so weit, als Neil Armstrong und Buzz Aldrin im Rahmen der Apollo-11-Mission den Mond betraten – eine der grössten technologischen Leistungen der Menschheit.
Vom Raumfahrtprojekt zur wirtschaftlichen Infrastruktur
Nach dem Ende des Wettlaufs änderte sich die Rolle der Raumfahrt grundlegend. Während in den Siebziger- und Achtzigerjahren weiter wissenschaftliche Missionen durchgeführt wurden, rückte der praktische Nutzen immer stärker in den Vordergrund. Kommunikationssatelliten ermöglichten weltweite Fernsehübertragungen und Telefonverbindungen, Wettersatelliten verbesserten Wetterprognosen erheblich und Navigationssatelliten legten die Grundlage für moderne Ortungssysteme wie GPS.
In den Neunzigerjahren begann die Digitalisierung der Weltwirtschaft. Gleichzeitig entstanden immer leistungsfähigere Satelliten, die hochauflösende Bilder der Erde schossen und enorme Datenmengen erzeugten. Parallel dazu stieg die Zahl der Satelliten rasant an. Während sich früher einzelne grosse Satelliten im Orbit befanden, werden heute ganze Satellitenkonstellationen aufgebaut, die globale Internetverbindungen, hochpräzise Navigation und kontinuierliche Erdbeobachtung ermöglichen.
Einige Expertinnen und Experten vergleichen die heutige Entwicklung der Weltraumwirtschaft mit der frühen Phase des Internets in den Neunzigerjahren. Damals wurde zunächst die digitale Infrastruktur geschaffen, bevor darauf millionenschwere Unternehmen wie Amazon oder Google entstanden. Analog könnte die Weltraumwirtschaft in den kommenden Jahrzehnten eine Plattform für diverse neue Geschäftsmodelle bilden und sich so zu einem bedeutenden strukturellen Wachstumsmarkt des laufenden Jahrhunderts entwickeln.
Für Dr. Thomas Paul von Huber+Suhner hinkt der Vergleich mit dem Internet ein wenig. «Die Entwicklung der Weltraumwirtschaft ist grösser als alles bisher Dagewesene.» Das Internet kam vergleichsweise langsam in unseren Alltag. Man konnte kaum erahnen, wie abhängig wir jemals davon sein würden. «Ganz anders bei der Weltraumwirtschaft, da wissen wir bereits heute um das Ausmass der Abhängigkeit», ergänzt Paul.
Diese absehbare Abhängigkeit begründet die wirtschaftliche Dynamik der Weltraumwirtschaft. Denn je stärker Kommunikation, Navigation und so weiter auf Infrastruktur im Orbit angewiesen sind, desto grösser wird die Zahlungsbereitschaft der Kundinnen und Kunden und der Markt dahinter.
Ein Markt mit Billionenpotenzial
Der Markt im All kann in zwei Anwendungsbereiche aufgeteilt werden – Kommunikations- und Erdbeobachtungsanwendungen. Enorm viele Satelliten braucht die Kommunikation. Dabei geht es primär um die Datenübertragung von der Erde zu den Satelliten und wieder zurück. Früher war es das klassische Satellitentelefon, heute sind es viele mit dem Internet verbundene Geräte wie Smartphones, medizinische Geräte oder vernetzte Roboter, die direkt mit Satelliten kommunizieren, mit dem Vorteil, dass die Nutzerinnen und Nutzer in der Berghütte oder im Flugzeug die gleiche Funktionalität geniessen wie im Büro. Die Satelliten braucht es aber auch, um überall auf der Erde breitbandige Kommunikation zur Verfügung zu stellen.
Die Nachfrage nach Erdbeobachtungsdaten wird derweil von mehreren strukturellen Trends angetrieben. Unternehmen und Regierungen benötigen zunehmend präzise Informationen über Klima, Infrastruktur, Lieferketten und Ressourcen. Gleichzeitig ermöglichen Fortschritte bei künstlicher Intelligenz eine immer effizientere Auswertung der Daten. Erdbeobachtung entwickelt sich dadurch von einem Nischensegment der Raumfahrt zu einer zentralen Informationsquelle für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik.
Kombiniert man beide Bereiche und rechnet die staatlichen Ausgaben hinzu, so dürfte die globale Wertschöpfung der Weltraumwirtschaft laut Schätzungen der Forschung zur Zukunft der Weltraumwirtschaft bis 2035 auf 1,8 Billionen US-Dollar ansteigen – gegenüber 630 Milliarden US-Dollar 2023. Dies entspricht einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 9%, was etwa dem Dreifachen des erwarteten Wachstums der Weltwirtschaft entspricht.
Darin enthalten sind die eigentliche Raumfahrtindustrie (Raketen, Satelliten etc.) sowie alle wirtschaftlichen Aktivitäten, die erst durch die Weltraumtechnologien möglich werden (satellitenbasierte Kommunikation, Navigation, Wetterdienste etc.). Mit der erwarteten Marktgrösse könnte die Weltraumwirtschaft bis 2035 mit der Halbleiterindustrie mithalten und sich zu einer der bedeutendsten technologischen Schlüsselindustrien entwickeln.
Staatliche Ausgaben auf Höchststand
Obwohl die Weltraumwirtschaft zunehmend kommerziell geprägt ist, bleiben staatliche Investitionen ihr Fundament. Mit den jährlich rund 130 Milliarden US-Dollar finanzieren Regierungen wesentliche Infrastruktur, Forschung und Verteidigungsanwendungen. Viele der heutigen kommerziellen Geschäftsmodelle – von Satellitenkommunikation über Navigation bis hin zur Erdbeobachtung – wären ohne diese langfristigen staatlichen Vorleistungen nicht entstanden.
Mehr als die Hälfte der Regierungsausgaben entfällt inzwischen auf Verteidigungs- und Sicherheitsanwendungen. Regional dominieren die USA mit 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr, gefolgt von China (≈ 20 Mrd.) und Europa (≈ 15 Mrd.). Laut Novaspace, einem der weltweit führenden Beratungs- und Marktforschungsunternehmen für die Raumfahrtindustrie, dürften die Ausgaben weiter stark ansteigen – um mehr als 20% pro Jahr. Zurückzuführen ist dies in erster Linie auf Verteidigungsprogramme und gross angelegte Infrastrukturinitiativen.