Die wichtigsten Antworten zum Konflikt im Nahen Osten

Nach dem Angriff auf den Iran ist die Lage im Nahen Osten eskaliert. An den Märkten oszillieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen stoischer Ruhe und latenter Aufregung. Hier sind die wichtigsten Antworten zum Konflikt.

Die gute Nachricht vorweg: Neun von zehn politischen Konflikten haben für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte keine langfristigen Folgen. Die schlechte Nachricht: Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten könnte die Ausnahme bilden. Ob das der Fall ist, zeigt sich in den nächsten Wochen. Aber egal, ob der Konflikt die Weltwirtschaft langfristig beeinflusst oder nicht, was das menschliche Leid betrifft, ist jeder Konflikt mit Toten eine Tragödie.

Was löste den Angriff aus?

Am 28. Februar griffen Israel und die USA den Iran an. Israel sah eine erfolgsversprechende Möglichkeit, den Staatsführer Ali Chamenei zu ermorden, und nutzte diese. Seitdem Israel in den vergangenen Jahren die Terrororganisationen Hisbollah und Hamas dezimiert hat, hält sich die Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kaum zurück.

Was ist für Amerika das Ziel des Angriffs?

Laut dem US-Aussenminister Marco Rubio schloss sich Amerika dem Angriff an, um grösseren Schaden u.a. bei eigenen Militärbasen in der Region zu verhindern. Was Amerika mit dem Angriff erzielen will, ist unklar. Die Begründung changiert zwischen Regimewechsel, Unterstützung der Demonstranten, Zerstören des Atomprogramms und Beenden des Programms für ballistische Raketen. So wie die Begründung fehlt, gibt’s auch von einer Strategie keine Spur. Die Aktion von Israel und Amerika war laut Völkerrechtsexpertinnen und -experten illegal, da von Iran keine unmittelbare Angriffsgefahr ausging.

Wie reagierte der Iran?

Der Iran weitete den Konflikt auf die ganze Region im Nahen Osten aus. Im Gegensatz zum «Zwölftagekrieg» vom Juni 2025 zeigte der Iran keine Zurückhaltung und griff Dutzende von Zielen an – unter anderem auch in den Golfstaaten. Das bedroht einerseits die globale Energieversorgung und untergräbt andererseits die Strategie der Golfstaaten, alternative Wirtschaftszweige aufzubauen.

Wie reagierten die Marktteilnehmerinnen und -teilnehmer?

Am Montag war die Reaktion an den Börsen verhalten. Aktien und andere risikoreiche Wertpapiere gerieten zwar unter Druck, einen Ausverkauf auf breiter Front gab es aber nicht. Am Dienstag sah das Bild dann anders aus. Aktien gaben deutlicher nach. Gleichzeitig sank auch der Preis für Edelmetalle wie Gold sowie für Anleihen. Die Marktteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich am Dienstag nicht mehr sicher, dass der Konflikt keine langfristigen Folgen haben würde.

Am Mittwoch entspannte sich die Lage an den Märkten dann wieder. Auch wenn der schweizerische Aktienmarkt gemessen am Leitindex SMI seit dem Beginn des Konflikts 3,4% verloren hat, notiert er seit Jahresbeginn 1,8 % im Plus. Gestiegen ist auch die Volatilität des Aktienmarktes – ein Indikator der Nervosität am Markt –, gleichwohl ist er beispielsweise unter dem Niveau, das während der Verkündigung der Strafzölle im April 2025 erreicht wurde.

Wann hat ein Konflikt langfristige Folgen?

Ein Konflikt hat langfristige Folgen, wenn grundlegende Erwartungen – beispielsweise bezüglich der Inflation, der Zinsen oder des Wirtschaftswachstums – angepasst werden. Je länger der Konflikt anhält, desto grösser ist die Chance, dass dies der Fall ist. Das wichtigste Augenmerk gehört hier der Teuerung. Je höher die Energiepreise ansteigen, desto stärker steigt auch die Inflation.

Was könnte zu einer Anpassung von Erwartungen führen?

Ein Drittel des globalen Erdöls und ein Viertel des globalen Erdgases kommen aus der Region. Die Strasse von Hormus als wichtiger Transportweg wurde faktisch geschlossen. Es fahren kaum mehr Tanker durch das Nadelöhr. Laut Schätzung würde eine Blockade der Strasse von Hormus die Weltwirtschaft nach drei Wochen belasten. Viele Länder verfügen über strategische Erdölreserven. Gefährlicher als die Schliessung der Strasse von Hormus ist aber die Zerstörung von Produktionsanlagen von Erdgas. Qatar beispielsweise hat die Produktion eingestellt.

Wie würde sich ein höherer Preis für Energie auswirken?

Höhere Preise für Erdöl und Erdgas belasten das Wirtschaftswachstum. Gleichzeitig erhöhen sie die Inflationsrate. Der Preis für Erdöl der Sorte Brent ist seit dem Beginn des Angriffs per Mittwochnachmittag um 11% angestiegen. Mit 80.40 $ je Fass ist Erdöl im historischen Vergleich aber nicht teuer. Als kritische Grenze wird die Marke von 100 $ je Fass genannt.

Der Preis für Erdgas ist im selben Zeitraum 46% gestiegen und notiert derzeit bei 47 €/MWh. Zum Höhepunkt während des russischen Angriffs auf die Ukraine notierte er aber bei 338 €/MWh. Entsprechend ist der Einfluss auf die globale Wirtschaft überschaubar. Die grössten Leidtragenden eines Preisanstiegs sind Europa und Asien. Amerika ist energietechnisch von Produzenten aus dem Nahen Osten weniger abhängig.

Wie geht es jetzt weiter?

Das kann niemand mit Gewissheit sagen. Es ist davon auszugehen, dass US-Präsident Donald Trump einen raschen Sieg präsentieren wollte. Wie dies bei der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro der Fall war. Derzeit ist dieses Szenario eher unwahrscheinlich. Gleichzeitig zeigt sich das iranische Regime weiter kampfbereit und zeigt keine Anzeichen, die Macht abgeben zu wollen.

Ob der Konflikt bald endet oder noch lange kein Ende findet, ist derzeit völlig unklar. Für eine Deeskalation auf der amerikanischen Seite spricht der sich anbahnende Wahlkampf für die Zwischenwahlen im November 2026. Aussenpolitische Eskapaden sind bei den amerikanischen Wählern wenig beliebt. Dessen ist sich auch US-Präsident Donald Trump bewusst.

Muss ich jetzt meine Anlagestrategie anpassen?

In turbulenten Marktphasen die Strategie anzupassen ist selten klug. Das ist diesmal nicht anders. Hat der Konflikt keine langfristigen Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte, dann gibt es auch keinen Handlungsbedarf. Gibt es langfristige Konsequenzen, ist es hingegen sicher nicht falsch, die Strategie zu überprüfen. Ob der Konflikt langfristige Folgen haben wird, kann derzeit leider noch nicht gesagt werden.