Claude der Zerstörer

Seit Anfang Februar herrscht Panik. KI-Applikationen wie Claude sind so fortgeschritten, dass sie menschliche Arbeit ersetzen. Machen sie uns gar überflüssig? Das fürchtet die Börse. Verloren Softwareunternehmen doch hunderte von Milliarden an Wert. Und nicht nur sie. Auch andere Branchen gerieten unter Druck. Wegen KI drohe ihren Geschäftsmodellen und mit ihnen auch ihren Arbeitskräften die Redundanz.

Für Anlegerinnen und Anleger ist der Kurssturz schmerzhaft, die viel grössere Gefahr liegt aber darin, dass sich KI nicht schnell genug durchsetzt. Und genau das ist das wahrscheinlichere Szenario. Denn wie bei bisherigen Technologien dürfte die menschliche Arbeitswelt nicht untergehen, sondern sich langsam und graduell verändern:

  • Unsere Welt ist von Menschen auf Menschen zugeschnitten.
  • Neue Technologie brauchen Zeit und führen meist zu mehr Arbeit.
  • Menschen haben schon immer neue Arbeit erfunden.

Wirtschaftsdaten bekräftigen diese Einschätzung. KI hat auf dem Arbeitsmarkt bis anhin nicht nachweislich im grossen Stil Stellen vernichtet. In den USA steigt die Zahl der ausgeschriebenen Stellen für Softwareentwickler gar.

Vereinfacht dargestellt besteht die KI-Wertschöpfungskette aus drei Gliedern. Am Anfang stehen die Chiphersteller wie Nvidia. Sie entwickeln Hochleistungsprozessoren (Chips), die für das Training und den Betrieb von KI-Modellen unerlässlich sind. Diese Chips verkaufen sie an Betreiber von Datencentren wie beispielsweise Amazon. Chiphersteller arbeiten derzeit hoch profitabel, sind jedoch stark von der Nachfrage der grossen Datencenter-Betreiber abhängig. Neun von zehn Dollar nimmt Nvidia mit dem Verkauf von KI-Chips an Betreiber von Datenzentren ein. Damit ist das Unternehmen in besonderem Masse auf die Investitionsbereitschaft dieser Kunden angewiesen.

Das zweite Glied bilden die Betreiber von Datenzentren wie Amazon. Diese Unternehmen verfügen meist über weitere Geschäftsfelder und sind teilweise auch an anderen Stellen der Wertschöpfungskette aktiv. Sie stellen die notwendige Infrastruktur bereit und verkaufen ihre Rechenleistung an Entwickler von KI-Applikationen wie OpenAI. Auch die Datenzentren-Betreiber sind derzeit sehr profitabel und verfügen über das Potenzial, ihre Kapazitäten noch deutlich auszubauen und mehr Rechenleistung an KI-Entwickler zu verkaufen.

Das dritte Glied der KI-Wertschöpfungskette sind schliesslich die Entwickler von KI-Applikationen wie OpenAI. Sie entwickeln Anwendungen und Modelle, die auf der bereitgestellten Rechenleistung basieren. Eigenständige Entwickler schreiben – zumindest im Fall von OpenAI – gemäss Schätzungen derzeit noch Milliardenverluste; ein nachhaltiger Gewinn wird erst in einigen Jahren erwartet. Als letztes Glied in der Schöpfungskette des KI-Kosmos sind sie auch für Chiphersteller und Betreiber von Datenzentren relevant. Finden sie nicht den Weg zur Profitabilität, werden auch Nvidia, Amazon & Co. darunter leiden.

Es stellt sich die Frage: Setzt sich KI schnell genug durch, damit das wacklige Fundament von Nvidia & Co. nicht einstürzt?